Über Gilla Cardaun

„Ja, ich kann für meine Kunst leben. Die Intention meines kontinuierlichen kreativen Wirkens reicht von zweckfreien Manifestationen visueller Poesie bis zu sinnbildhafter Spiegelung gesellschaftlicher Zusammenhänge und Wahrheiten. Mein künstlerisches Schaffen ist vielschichtig, artgerecht, unverrätselt, obsessiv und passioniert. Den Aufmerksamen unter den Kunstfreunden können meine Werke als Anregung dienen, wenn die Betrachtenden sich von ihren eigenen Assoziationen leiten lassen und so zu Teilhabenden werden.“

Vita

1971 – 1975 Studium an der Fachhochschule für Design in Münster

1976 – 1982 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, Abteilung Münster
bei Prof. Timm Ulrichs, Meisterschülerstatus mit Diplomabschluss.

1987 – 1992 Dozentin in Münster an Jugendkunstschule, Volkshochschule, Jugendzentren

Seit 1974 Studienreisen durch Europa, Afrika und Asien

Seit 1981 Ausstellungen in Museen, Rathäusern, Kulturhäusern und im öffentlichen Raum

Nicht nur ein toter Künstler ist ein guter Künstler!

Gilla Cardaun

Ein Schritt hinaus vom uns Bekannten ins Unbekannte: Das ist wahre Kunst.

Unbekannt

Eine einzige Seele enthält die ganzen Hoffnungen der Menschheit.

Unbekannt

Timm Ulrichs über Gilla Cardauns Schuhwerk

(Auszug aus einem Katalogbeitrag von 2002)

Unter allen künstlerischen Schuh-Machern ist Gilla Cardaun sicherlich die obsessivste und passionierteste: Seit 1979 hat sie in mehr als hundert Werken das Terrain ausgeschritten, ohne je – um im Sprachbild zu bleiben – ausgetretene Pfade zu gehen; vielmehr ist sie, virtuos und gleichsam getragen von beflügelnd-geflügelten Schuhen der Phantasie, immer wieder zu Überraschungen und unterschiedlichsten Bilder-Findungen und Bild-erfindungen gelangt; das betrifft sowohl die materiale Seite – es gibt Gestaltungen mit realen Fundstücken wie auch solche in Keramik und Bronze – als auch die Themenstellungen. Dass eine Frau sich damit so eindringlich befaßt, mag man als naheliegend ansehen: Sind Herrenschuhe und -stiefel Kleidungsstücke, die keine allzu große Aufmerksamkeit beanspruchen, werden sie bei Frauen – weil sie und Männer es gern so wollen – zu wesentlichen Attributen der erotisch-sexuellen Ausstattung, die gar Zwangscharakter annehmen kann, wenn der Gang durch die Schuhe nicht erleichtert, sondern erschwert wird bis hin zu Formen folternder Behinderung. Zumal der verkrüppelte „Lilienfuß“ der Chinesinnen, von Gilla Cardaun auch thematisiert, gibt zu denken, handelt es sich doch um Prozeduren schmerzhaftester Gängelung, die der Anpassung „spanischer Stiefel“ kaum nachsteht: „Ruckegeduh, Blut ist im Schuh“. Dass Schönheit erlitten werden muß, findet sich als Bildgedanke mehrfach in den cardaunschen Schuh-Metamorphosen; auch das Verhältnis von Frau zu Mann wird in den Schuh-Paaren angesprochen: Ungleiche Paare treffen im Geschlechterkampf aufeinander (und oft genug steht der Mann dabei unterm Pantoffel), man schlägt sich und verträgt sich, geht nebeneinander her, entzweit sich, ohne doch je ganz voneinander zu lassen; eins bedingt eben das andere. Und man tritt gar zum großen Gesellschaftsspiel an auf der Bühne des Schachspiels, das zum Gleichnis des Lebenstheaters sich weitet. Feministisches klingt zwar an, aber Gilla Cardaun wäre nicht die Künstlerin, als die sie sich zeigt, würde sie nicht das Mehrdeutige dem Eindeutigen vorziehen; Ambivalenz gilt auch hier, Offenheit von Deutung und Bedeutung, andererseits aber auch pointierter „Witz“, der bei allem Ernst die Werke der Künstlerin so lustvoll erscheinen läßt. Ich weiß durchaus, dass die Domestizierung der Frau durch gewisse Formen der Mode sadistisch und masochistisch geprägt ist – von der einen Seite gewünscht, von der anderen (im Einverständnis?) ertragen – ; und ich will mich durchaus nicht davon freisprechen, dieser Faszination immer wieder zu verfallen. Teresa von Avila, die Gründerin des Karmeliterordens, forderte, dass die ihr Nachfolgenden demutsvoll die Schuhe ablegten, – aber kann man von uns erwarten, daß wir den „Unbeschuhten“ ebenfalls bloßen Fußes in die Fußstapfen treten? Ich meine, es sollte genügen, wenn eine Kunst, wie die von Gilla Cardaun an sich Hand und Fuß hat und uns im übrigen bewusst macht, welch komplexe Gegenstände wir da an unseren Füßen mit uns führen als Zierde und Klotz am Bein zugleich, und dass wir erkennen, beides zu sein: Täter und Opfer.

Wenn der Fetisch-Charakter typisch ist sowohl für Schuhwerk als auch für die Kunst, dann haben wir bei Schuhen als Kunst und Kunst als Schuhen einen doppelten Fetischismus vor Augen – und in Gilla Cardaun dessen große Meisterin.

T. Ulrichs 2002

Ausstellungen (Auswahl)

1981 Münster, Westfälischer Kunstverein, Landesmuseum G

1981 Hannover, Künstlerhaus G

1982 Bremen, Interdisziplinäre AG für Kultur (Universität) G

1983 Beckum, Kunstverein G, A

1984 Dortmund, Westfalenhalle, Freier Markt für aktuelle Kunst G

1984 Bonn, Frauenmuseum G, K

1985 Münster, Galerie „S“ G

1987 Berlin, Kommunale Galerie G

1987 Liesborn, Museum G

1987 Köln, Ultimate Akademie G

1988 Zürich, „Mit dem Schuh auf du und du“ G, K

1988 Karlsruhe, Museum für Gestaltung G

1988 Köln, Haubricht Kunsthalle G

1989 Berlin, Galerie Hulsch G

1990 Liesborn, Museum G

1991 München, Theaterhaus Botanikum G

1991 Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm G

1993 Bad Oeynhausen, Märchenmuseum G

1993 Rheda, Aquatunnel G

1994 Bonn, Rheinisches Landesmuseum G, K

1994 Offenbach, Deutsches Schuhmuseum G, K, A

1995 Hamm, Gustav Lübke Museum G

1996 Münster, Galerie Husemann E

1997 Dachau, Zweckverband Dachauer Galerien und Museen G, K

1998 Rheda, „Kunstpfad“ G, K

1998 Mainz, Kunstverein Eisenturm G, K

1999 Gütersloh, Kreishaus E

2000 Münster, Galerie „Ü“ G

2001 Wien, „Soho in Ottakring“

2002 Schöppingen, Künstlerdorf G, K

2002 Witten, Ballettschule

2004 Münster, Landeshaus G

2005 Recklinghausen, Kunsthalle G

2005 Ingolstadt, Kunstverein G

2006 Köln, Art Cologne

2007 Köln, Galerie 68elf G

2008 Mettingen, Kulturverein

2008 Münster, Nacht der Museen, Speicher II, Atelier 1.6 E

2008 Herne, Archäologisches Museum G

2009 Bremen, Überseemuseum G

2010 Mainz, Landesmuseum G

2010 Münster, HBF-Schaufensterausstellung G

2010 Münster, Foyer der Bezirksregierung G

2011 Enschede, Concordia G

2011 Münster, „Kunst Trifft Kohl“ im Öffentl. Raum G

2012 Dortmund, Galerie „Artlet“ G

2013 Offene Ateliers, Haverkamp G

2014 Münster, Nacht der Museen, Speicher-Atelierhaus am Hafen G

2016 Münster, Galerie Praxis neue Wege E

2017 Münster, Galerie Praxis Neue Wege E

2017 Wettringen, Kunstkirche am Josefshaus G

2018 Münster, Landesmuseum, „Suche Frieden“ G


Für Kontaktaufnahme mit Gilla Cardaun:


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